Galerie Emanuel Layr
Niklas Lichti- BioLife
15.1.–27.2.2016
15.1. –
27.2.2016

Frieze Magazine

Art Viewer

We Find Wildness

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BioLife

Meistens sehen wir Schuhe, Hosenbeine, Asphalt, Abfall, Rasen, Laub und Wurzeln. Drinnen in euren Wohnungen dann Socken, Zehen, Tisch- und Stuhlbeine, Essensreste und Krümel, die wir vom Boden essen. Wir sehen den Staub unter den Schränken und in den Ecken, wir wissen, was sich unter dem Sofa verbirgt und beim Blick durchs Fenster sehen wir den Himmel. Schauen wir euch an, so sehen wir tief in eure Nasenlöcher und erkennen darin nichts, was uns interessieren könnte. Eure Scham ist uns gleichgültig, aber wir sehen, wo die Haare sprießen und wo ihr schlecht rasiert seid. Wir folgen eurem Blick, wir sehen wie ihr seht und wir sehen, was ihr überseht.

Neulich war ich im Kino, kurz darauf dann im Museum. Der Film hatte mir beim ersten Mal besser gefallen, damals war ich ganz bezaubert aus dem Kino gekommen. Ich hatte das Gefühl, dieser Film wäre mir direkt auf die Netzhaut projiziert worden und hätte sich dort für immer eingebrannt. Beim Verlassen des Kinos – es war Frühling und viele Menschen begegneten uns auf der Straße – bildete ich mir ein, die Projektion würde sich von nun an wie eine Doppelbelichtung über meine Erfahrung legen. Der Film würde alle Menschen und Tiere auf die ich traf in seine Dramaturgie zwingen, weil er meine Retina besetzt hielt und als ich zu dir aufschaute, waren plötzlich auch deine Nasenlöcher interessant für mich. Ich bedauerte es, dass ich keine Kamera halten kann, wusste aber, dass ich nichts davon würde festhalten können. Mir blieb nichts anderes übrig als unseren Spaziergang zu verlängern, indem ich Bäume und Häuserecken beschnupperte, gelegentlich falsch abbog und verzögernd an den Straßenkreuzungen ausharrte. Dich schien es nicht zu stören, denn es war warm und du hattest keine Eile, ich aber befürchtete, dass mir zuhause nur noch deine Füße begegneten und das schien mir in diesem Zustand unerträglich reizlos. Am nächsten Tag hatte sich der Film bereits von der Netzhaut gelöst und ging langsam in die Erinnerung über, wo er über die Jahre in Vergessenheit zu geraten drohte.

Als wir dann neulich – 8 Jahre später in eurem Leben und 56 Jahre für mich – ein weiteres mal im Kino saßen, um diesen Film anzuschauen, hatte sich mein Geschmack verändert und etwa nach der Hälfte der Laufzeit begann ich damit, eure Hinterköpfe anzustarren und den Boden nach Essensresten abzusuchen. Die Filmzeit dehnte sich in endlosen Hundestunden vor mir aus. Draußen war es kalt und die Gehwege mit Salz gestreut, was kleine brennende Wunden in meine Ballenhornhaut riss und wir beide wollten diesmal schnell nach Hause.

Im Museum bin ich selten und meistens stelle ich fest, das alles zu hoch gehängt wurde, ich also von den Bildern nicht gemeint sein kann. Und so wende ich mich dem Boden zu oder suche die Stühle, welche den Aufsehern bereitgestellt werden. Für mich erzählt sich die Institution in diesen Sitzgelegenheiten und manchmal finde ich hier Keksreste, die ich diskret vom Boden lecke.

Als wir vor kurzem wieder einmal im Museum waren, hatte ich das erste Mal das Gefühl, wir seien gemeinsam dort. In dem Saal gab es keine Stühle, keine Krümel und der Boden gab auch sonst nicht viel her und so setzte ich mich neben dich und schaute dir beim Betrachten eines Bildes zu. Ich glaube, wir sahen gut zusammen aus. In diesem Moment hatte ich das Bedürfnis dir davon zu erzählen, dass auch Tiere sich Haustiere halten, ich glaube, du weißt das nicht, aber Ameisen lassen Blattläuse auf den Pflanzen grasen, um ihren Honigtau zu melken. Auf dem Bild bäumte sich ein Pferd über dem gestürzten Paulus auf. Für dich bedeutete sein erschrockener Blick die Erschütterung angesichts der Begegnung mit Gott, für mich zeigt sich darin die Angst von diesem Pferd zermalmt zu werden. Wir mussten darüber nicht streiten, wollten anschließend aber auch nicht länger im Museum bleiben und machten uns auf den Heimweg. An diesem Tag versuchte ich mit allen Mitteln zu verhindern, dass du meine Exkremente aufheben musst. (Niklas Lichti)

BioLife

We usually see a lot of shoes, trouser legs, asphalt, trash, grass, leaves and roots. And inside your houses its socks, toes, table and chair legs, food scraps and crumbs that we eat off the ground. We see dust under cupboards and in corners, we know what’s hiding under the sofa and our view out the window is of the sky. If we look at you we see deep into your nostrils where there is nothing of any interest to us. We are indifferent to your shame but sometimes we see stray hairs where you have missed a spot shaving. We follow your gaze and see what you look at, and what you overlook.

I saw a film recently, and shortly afterwards I went to the museum. I enjoyed the film a lot more the first time – back then I left the cinema entranced. It felt like it had been projected right onto my retinas and was burned there forever. Outside it was spring and the streets were full of people, and I imagined the projection would be superimposed over all my experiences from here on. Each person or animal I encountered would be forced into the film’s dramaturgy because my eyeballs were held hostage, and when I looked up at you, even your nostrils were suddenly interesting. I regretted not being able to hold a camera, although I wouldn’t have been able to capture it anyway. All I could do was extend our walk, sniffing trees and street corners, making the occasional wrong turn and lingering at intersections. You didn’t seem bothered as the weather was warm and you were in no hurry, but I feared that at home I would be left with only your feet to relate to, which in my current state would be excruciatingly dull. By the next day the film had detached itself from my retinas and was drifting into memory, where over the years it threatened to sink into oblivion.

Then the other day – 8 years later in your life, 56 in mine – as we sat in the cinema again watching the same film, my taste had clearly changed. By halfway through I found myself staring at the backs of your heads and scanning the ground for snacks. The remainder of the movie stretched out before me in infinite dog-hours. It was cold when we got outside and the salt-strewn pavements cut burning little wounds into my callused feet and both of us were keen to get home.

I rarely visit the museum and when I do I generally find everything hung far too high for me to be the target audience for the pictures. So I turn to the floor or the chairs set out for the custodians. To me, the institution expresses itself through its seating, and sometimes there are cookie crumbs to discreetly lick from the floor.

But that day at the museum I had the feeling that for the first time, we were really there together. There were no chairs or crumbs and the floor offered little so I sat beside you and observed you looking at a picture. I think we looked good together. At this moment I felt the need to tell you that animals keep pets too, I don’t think you know this but ants herd aphids grazing on plants in order to milk their honeydew. The picture was of a horse rearing over the fallen Saint Paul. For you his frightened expression represented the shock of his encounter with God, for me it was his fear of being trampled by the horse. There was no need to argue about it but neither of us wanted to stay any longer so we headed home. On this day I tried everything in my power to avoid you having to pick up my excrement. (Niklas Lichti)