LAYR
Yong Xiang Li – Curl / Vienna
5.9.–17.10.2020
5.9. –
17.10.2020

 

Thin-Lipped and Unemployed
For Sean’s Curl

A subtropical fever I thought long-lost crawled up my left leg. I felt thoroughly insane. My tongue wrapped in cellophane.

I had to sit.

They finally pulled the chairs closer together. I uncrossed my legs and made sure to see myself in their eyes while I restretched one over the other.

“Are you here to take him away from us?” one of them dared to ask.

I leaned back and realized the one’s eyes were muted—thick dark amber mold. I pressed for contact but he fixed his gaze on a heavy lacquered wooden cabinet in the corner.

“What would make you think that?” I snapped in a reassuring tone as if to wipe the pearls of sweat off my forehead. “I am just passing through on my way to St. Petersburg.”

“Well isn’t that what they all say?

“The trip was planned last year already. It would be rude… He anyways asked me to stop by. The year began only…”

“But what brings you back? Business or pleasure?”

I found the question old-fashioned, but I bit bait. “I spent all afternoon in the lab looking at raffia from the masks you brought back from the Congo back when you thought it would be the last of them.”

“I see,” one answered while they all nodded as if synchronized by a higher force.

“These strains are always the ones on the front, those that wither away and dry up like day-old French toast. I used to bleach them, shave them or just gel them down. Those little kidnapped mishaps would have been, to be honest, best forgotten until I suddenly saw a leftover thick black curl—unbothered—stuck to a rusted staple…”

A mouthful of dry air swept the room bare like dragon breath. I felt thoroughly insane. My tongue wrapped in cellophane. He had stood up without me noticing and opened the paneled door leading to the balcony.

“How about we make fresh drinks while I fix up some hors d’oeuvres,” he asked— without looking—as he strolled down the steps separating the living room from the kitchen.

It had been a long trip—a detour actually—just for the sake of revisiting this subspecies of friends. Some would call it curiosity, others a death wish. For me, it was more like finally ironing a long memory straight. Those that hold you still yet heavy-bored.

They once felt like true friends: people you speak at instead of with, who tell you stories that don’t add up and give you advice they wish they could follow. Those friends who neither freeze at your sight nor resist touch. Like flesh against flesh in the afternoons when we would take Dendrotoxin K, he would compress his lips like merging clouds.

“Do you also feel your limbs liquefy?”

“Like welding copper coils.” He hurled back.

Here with my dear callous friends it didn’t need to come to that. As I heard the knife hitting the cutting board over our silence, my flesh, my memories, my spirit grew shy. I wanted to shove them around. But nothing moved them.

“Did you also fall asleep hoping a bunch of crusty creatures awaited you—brimming with thirst—in the secret chamber?”

Their lips were not at ease and the deserted salon furniture smothered the words. A dashing silver tray with carved handles approached the living room. He managed once again to move without being noticed.

The cheese’s pungent smell made me feel sick—nauseous—all the secrets we never told. The walls blended with the ceiling like a forest of leafless tree trunks coiling towards the sky with no end in sight.

I looked behind me. I couldn’t find an essssssscape. I broke sweat again. It stunk just like that time. My throat is dry. I need to go. Now.

He calmly rested the tray on the table and walked towards the cabinet behind me. He held me at the forearm, sizzling to make eye contact.

“I carved a viper’s bugloss flower head onto each collar bone at the height of your breasts,” he said.

“I know each blueweed’s contour lines remind you of desert strolls and lost afternoon souls.”

A burning sensation had made its way to all extremities of my body, coiling around the crevasses of what felt like six hundred bones.

“Do you still know?” He asked.

“WHAT?”

“That time… Your sweaty buttocks stuck to the plastic table cloth. That night when we decided it was time to stretch our arms like tired lions. That night when the moon served a foamy currant dessert with lemon bitters. That time you knew I can’t love.”

I felt thoroughly insane. My tongue wrapped in cellophane. I basked in the hurt of his words. The others sniffed the wound and took pride in their steely nerves.

I had been waiting for this moment. Every word uncoiling from his mouth hurt. Remembering how often silence halts my universe, time moves forward again.

It is the morning after the night. The fine white line tattooed along those thin-lipped snakes bores me. Work ends at seven. I cannot breathe through the nose again.

–José B. Segebre

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Deutsche Übersetzung:

Arbeitslos und dünnlippig
Für Sean’s Curl

Ein subtropisches Fieber, das ich längst losgeworden zu haben glaubte, kroch mein linkes Bein hoch. Ich fühlte mich psychotisch. Um die Zunge Zellophan geschlungen.

Ich musste mich hinsetzen.

Endlich zogen sie die Stühle näher aneinander. Ich stellte meine Beine nebeneinander und sorgte dafür, mich selbst in ihren Augen zu sehen während ich das eine über das andere wieder streckte.

“Bist du hier, um ihn uns wegzunehmen?”, erlaubte sich einer von denen zu fragen.

Ich lehnte mich zurück und stellte fest, dass die Augen des einen stumpf wirkten – dicker dunkler bernsteinfarbener Schimmel. Ich drängte auf Kontakt, aber er fixierte seinen Blick auf einen schwer lackierten Holzschrank in der Ecke.

“Wie kommst du denn darauf?” Schnauzte ich in einem beruhigenden Ton als wollte ich mir die Schweißperlen von der Stirn wischen. “Ich bin bloß auf der Durchreise auf dem Weg nach St. Petersburg.”

“Nun, sagen das nicht alle?”

“Die Reise war schon letztes Jahr geplant. Es wäre unhöflich… Er hat mich jedenfalls gebeten, vorbeizukommen. Das Jahr begann nur…”

Aber warum bist du zurück? Geschäftlich oder privat?

Ich fand die Frage antiquiert, aber ich schluckte den Köder. “Ich habe den ganzen Nachmittag im Labor verbracht und habe mir den Raphiabast der Masken angeschaut, die du aus dem Kongo zurückgebracht hast, damals als du dachtest sie würden die letzten sein.”

“Ich verstehe”, antwortete einer, während alle wie synchronisiert von einer höheren Kraft zunickten.

“Es sind immer die vorderen Strähne, die verwelken und austrocknen wie ein alter French Toast. Früher habe ich sie gebleicht, rasiert oder einfach geliert. Um ehrlich zu sein hätte ich am besten diese kleinen verschleppten Missgeschicke vergessen, bis ich plötzlich sah, wie ein dicker schwarzer Lockenrest ungestört an einer verrosteten Klammer klebte…“

Ein Mundvoll trockener Luft fegte wie Drachenatem den Raum blank. Ich fühlte mich psychotisch. Um die Zunge Zellophan geschlungen. Er war aufgestanden ohne dass ich es merkte und hatte die vertäfelte Tür geöffnet, die zum Balkon führte.

“Wie wär’s wenn wir frische Getränke zubereiten während ich ein paar Hors d’Oeuvre einrichte”, fragte er – ohne hinzuschauen – als er die Stufen hinunterging, die das Wohnzimmer von der Küche trennen.

Es war eine lange Reise gewesen – eigentlich ein Umweg – nur um diese Subspezies von Freunden wieder zu überprüfen. Manche würden es Neugier nennen, andere einen Todeswunsch. Für mich war es mehr wie eine alte Erinnerung endlich glatt zu bügeln. Eine derjenigen, die dich stil halten, doch zu Tode langweilen.

Einst fühlten sie sich an wie echte Freunde: Leute, zu denen du sprichst anstatt mit, die dir Geschichten erzählen, die keinen Sinn machen und dir Ratschläge geben, die sie gern selbst befolgen würden. Jene Freunde, die weder bei deinem Anblick erstarren noch der Berührung widerstehen. Wie Fleisch an Fleisch, nachmittags wenn wir Dendrotoxin K nahmen presste er seine Lippen zusammen wie ineinanderfließende Wolken.

„Fühlst du auch deine Glieder schmelzen?“

„Wie Schweißkupferspulen.“ Schoss er zurück.

Hier bei meinen lieben gefühllosen Freunden brauchte es dazu nicht zu kommen. Über unser Schweigen hinweg schlug das Messer auf das Schneidebrett. Mein Fleisch, mein Geist, meine Erinnerungen wurden seidig scheu. Ich wollte sie herumstoßen. Aber nichts bewegte sie.

“Bist du auch in der Hoffnung eingeschlafen, ein paar verkrustete Wesen würden strotzend vor Durst in der Geheimniskammer auf dich warten?”

Ihre Lippen fühlten sich nicht wohl und das verwaiste Salonmobiliar erstickte die Wörter. Ein elegantes silbernes Tablett mit geschnitzten Griffen näherte sich dem Wohnzimmer. Wieder schaffte er es, sich unbemerkt zu bewegen.

Der stechende Käsegeruch machte mich krank – ich fühlte mich übel – all die Geheimnisse, die wir nie verraten haben. Die Wände verschmolzen mit der Decke wie ein Wald aus blattlosen Baumstämmen, die sich zum Himmel wanden, ohne ein Ende in Sicht.

Ich sah hinter mich. Ich konnte keinen Ausssssssweg finden. Ich kam wieder ins Schwitzen. Es stank genauso wie damals. Mein Hals ist trocken. Ich muss gehen. Sofort.

Ruhig legte er das Tablett auf den Tisch und ging auf den Schrank hinter mir zu. Er hielt mich am Unterarm, zischend auf der Suche nach Augenkontakt.

“Ich habe an jedem Schlüsselbein auf Höhe deiner Brüste den Blütenstand eines Natternkopfs geschnitzt”, sagte er.

“Ich weiß, dass die Höhenlinien jedes blauen Natternkopfs dich an Wüstenspaziergänge und verlorene Nachmittagsklänge erinnern”.

Ein brennendes Gefühl hatte sich bis in alle Extremitäten meines Körpers ausgebreitet und sich um die Spalten von gefühlt sechshundert Knochen gewunden.

“Weißt du noch?” Fragte er.

“WAS?”

“Dieses Mal… Dein verschwitzter Hintern klebte an der Plastiktischdecke fest. In jener Nacht, als wir beschlossen, dass es Zeit war, unsere Arme wie müde Löwen auszustrecken. In jener Nacht, als der Mond ein schaumiges Johannisbeerdessert mit Zitronenbitter servierte. Dieses Mal, als du wusstest, dass ich nicht lieben kann.

Ich fühlte mich psychotisch. Um die Zunge Zellophan geschlungen. Ich suhlte mich im Schmerz seiner Worte. Die anderen schnupperten an der Wunde und waren stolz auf ihre stählernen Nerven.

Ich hatte auf diesen Moment gewartet. Jedes Wort, das aus seinem Mund abspulte, tat weh. Daran denkend, wie oft das Schweigen mein Universum zum Stehen brachte, schreitet die Zeit wieder voran.

Es ist der Morgen nach der Nacht. Die feine weiße Linie, entlang dieser dünnlippigen Schlangen tätowiert, langweilt mich. Arbeit ist um sieben vorbei. Ich kann wieder nicht durch die Nase atmen.

–José B. Segebre

Übersetzt aus dem Englischen von Milena Maffei und überarbeitet vom Autor.